Die Kommunikation der AfD

Es ist verrückt. Die Parteien sind auf der verzweifelten Suche nach Differenzierungsmerkmalen. Die CDU rückt nach links, die SPD in die Mitte. Die Grünen sind schon längst dort, die Linke will nicht rein, ist aber ebenfalls drin, und die FDP robbt sich gerade wieder in das begehrte Reich der Mitte. Alle kämpfen mit den Ähnlichkeiten der anderen. Da kommt plötzlich eine Partei aus dem Nichts und knallt mit einer Arschbombe mitten rein. Und nichts ist mehr wie vorher. Rechte Strömungen werden sichtbar, die vorher verdeckt gewesen sind. Wählerwanderungen in größerem Ausmaß entstehen. Nichtwähler werden wieder zu Wählern. Die Enttäuschten, Abgehängten und Frustrierten sammeln sich unter einem Dach – und noch mehr die Ängstlichen. Denn die AfD zahlt mit barer Münze. Und ihre Währung lautet Angst.

Die Partei bestätigt vorhandene Ängste, sie schürt neue, sie spielt mit ihnen. Die AfD ist eine Angstpartei. Angstkommunikation ist das große Ding. Angst vor Lesben und Schwulen, Angst vor Flüchtlingen und Fremden sowieso. Angst vor Veränderung, vor sozialem Abstieg. Angst vor Kontrollverlust, Auflösung der Gesellschaft und Identitätsverlust. Der deutsche Michel hat sein Zuhause gefunden. Liest man das Grundsatzprogramm der AfD, spürt man den Mief und die Spießigkeit der 1960er Jahre. Das war die Zeit, als das konservative Mindset der Republik Hippies ins KZ schicken wollte. Oder am besten gleich erschießen.

Die Angst des konservativen Milieus in Deutschland hatte immer eine aggressive Komponente. Lange glaubte man, diese Aggressivität hätte sich gelegt. Die Feindkultur wäre schwächer geworden, die Willkommenskultur hätte langsam an Terrain gewonnen. Deutschland sollte ein freundliches Land werden. Das Projekt ging lange gut. Das Land hat heute hohe Sympathiewerte weltweit. Deutschland ist attraktiv, für Touristen und für Menschen, die hier eine berufliche Zukunft suchen oder einfach nur Sicherheit. Und dann kommt eine Partei mit dem Ziel, diesen zaghaften gesellschaftlichen Konsens zu zerstören, die Bundesrepublik bis auf ihre konservativen Knochen hin zu entbeinen. Eine neue deutsche Identität muss her, die 68er sind Dreck und Müll, weg damit. Die AfD ist aggressiv, sie ist im Kampfmodus. Und sie macht einen sehr erfolgreichen Kampagnenjob. Die Medien berichten sich halbtot, die Medienpräsenz steigt und steigt. Das zieht Wähler an.

Was macht die AfD so erfolgreich? Die Rezeptur ist einfach. Sie sucht sich die Themen aus, die am meisten beschäftigen und Angst produzieren. Angst vor dem Euro-Crash, Angst vor Flüchtlingen. Jetzt kommt der Islam dran. Danach Europa oder die innere Sicherheit, wer weiß. Die AfD sattelt auf die Angst-Themen auf, spitzt sie zu, übertreibt, dramatisiert und verpackt ihre Antihaltung in Empörungsemotionen. Es wird kräftig angeheizt, aus Normalbürgern werden Wutbürger. Die Partei sucht sich aus dem jeweiligen Themenkreis ein zugkräftiges Symbol, gegen das gewettert wird. Illegaler Grenzübertritt – Schusswaffe raus, Minarettverbot, die Lösungen der AfD sind immer einfach. Ist das undurchsichtig, was die AfD da macht oder vom Zufall bestimmt? Nein, es ist eine simple Huckepack-Strategie. Der Parasit sucht sich seinen Wirt, gibt dem Thema noch den rechten AfD-Spin und raus damit. Pressemitteilung, Statement, Social Media, crossmedial werden alle Kanäle bespielt. Deutschland wird mit Angst versorgt.

Die Ansichten überschreiten die Grenzen des Grundgesetzes und des guten Geschmacks? Egal. Im Gegenteil, gut. Denn man ist wieder im Gespräch, die Interview- und Talkshow-Maschine mit Gauland, Petry und Co. läuft wie geschmiert. Die Medien wollen den entscheidenden Satz, der breit zitiert wird und gut is. Oder das entscheidende Bild. Höcke mit Deutschlandfähnchen über dem Arm? Darüber schreiben wir! Die Hetz-Aussagen werden von von AfD-Seite ein klein wenig relativiert und zurückgenommen. Bis wieder ein neuer Amokschütze aus der Deckung kommt, losballert, sich zurückzieht. „Getrennt marschieren, vereint schlagen.“ Königgrätz lässt grüßen, da hat jemand seinen Moltke genau gelesen. Die AfD sorgt für Abwechslung und ist immer für eine Überraschung gut. Zum Hucke-Pack kommt noch eine beherzte Prise Guerilla-Marketing, fertig ist das AfD-Kommunikationspaket.

Die Themen werden je nach Erregungskurve 3, 6 oder 9 Monate bespielt. Ist das Thema ausgelutscht, wird es fallengelassen wie eine heiße Kartoffel. Der Schweinezyklus beginnt von Neuem. Was daran besonders ist? Eigentlich nichts, bis auf die Tatsache, dass es so einfach funktioniert. Die Medienpräsenz von Pegida war schon unverhältnismäßig hoch, als sich 1.000 Leutchen in Dresden trafen und ihre Parolen skandierten. Jedes Medium meinte, dabei sein zu müssen. Selbst als die Parolen komplett verschlissen waren und sie schon zu den Ohren raushingen, wurden sie von Medien noch aufgegriffen. Newswert Null, aber das macht nichts. Woanders reicht es für eine kleine Meldung, aber nicht in Deutschland, wenn am rechten Rand was zuckt. Die AfD toppt das Ganze exponentiell. Sie macht aus dem Erfolgsrezept von Pegida ein Geschäftsmodell. Und das Geschäft mit der Provokation läuft rund.

Das Wählerpotenzial der AfD? Bis zu 25 Prozent wird geschätzt, manche sehen sie sogar darüber. Das reicht, um sich dauerhaft zu etablieren, wenn sie den Kampagnenmodus und die hohe Taktung bis 2017 beibehalten kann. Und das ist sehr wahrscheinlich. Noch sind sie weder das Volk, vielleicht an der Grenze zum Völkchen, mehr nicht. Aber das Anti-Campagning der AfD kann für mehr sorgen, wenn man sich in Europa umschaut. Die Mechanismen durchbrechen? Das wird kaum gelingen, dazu ist die PR- und Medienarbeit der AfD zu gut aufgestellt. Sie wissen, wie es geht, sie wissen wie Medien funktionieren, sie haben genug Akteure mit journalistischer Erfahrung in ihren Reihen. Und das Projekt eines neuen nationalen Aufbruchs ist langfristig angelegt. Die Leitstory, das Narrativ der AfD steht. Das schafft einen Orientierungsrahmen, der trägt, und der ausgefüllt werden will. Wiedererkennung ist gesichert bei gleichzeitig hoher Dynamik und Flexibilität in den Inhalten. Realpolitik braucht die AfD nicht, das Geschäftsmodell funktioniert sehr gut mit reiner Inszenierung. Der Resonanzboden reicht dafür locker aus, solange die AfD keine normale Partei wird, die sich in den Mühen der Ebene bewegen, sprich Tagesgeschäft betreiben muss. Die AfD kleidet sich als Diva – und lebt gut davon.

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