LOVE LIFE: Schweizer gehen lustvoll durchs Leben – und bereuen nichts

Was braucht eine gute Kampagne? Wie sieht ihre Rezeptur aus? Gibt es überhaupt eine Rezeptur? Viele Standardantworten werden ungefähr so aussehen: Natürlich muss sie hohe Aufmerksamkeit erzeugen, sie sollte ein breites Spektrum an Medienkanälen bedienen, sie braucht ein gute Dramaturgie und sie muss ihr Thema auf den Punkt bringen, verbunden mit einfachen und verständlichen Botschaften. Das ist alles richtig und stimmt. Im Zeitalter sozialer Medien kommt in der Regel noch ein deutlich formulierter partizipativer Anspruch hinzu. Die Zielgruppen sollen nicht nur genau definiert sein und mit den eigenen Botschaften intensiv angesprochen werden. Ab sofort wird mitgemacht, die Zielgruppen sollen viel klicken, kommentieren und teilen. Wie ein Virus pflanzt sich die Kampagne crossmedial fort, regt zu Wider- oder Zuspruch ab oder macht vielleicht auch einfach nur Spaß.

Viele dieser richtigen und notwendigen Standard-Attribute lassen sich nahtlos auf die aktuelle LOVE LIFE-Kampagne des Schweizer Bundesamts für gesundheitliche Aufklärung übertragen. Seit Mai 2014 informiert sie über die Risiken von AIDS und anderen sexuellen Infektionsarten und will einen Beitrag leisten, die Zahl von Neuinfektionen zu senken. Doch wie macht sie das? Und da kommen wir dem tatsächlichen Geheimnis einer richtig guten Kampagne möglicherweise etwas näher. Sie macht es richtig stark. Sie hat mit der Schweizer Star-Fotografin Diana Scheunemann eine Top-Frau gefunden, die Paare unabhängig ihrer sexuellen Orientierung lustvoll inszeniert. Rund 300 Protagonisten hatten sich für das Shooting beworben. Der offizielle Kampagnen-Titel „LOVE LIFE – ich bereue nichts“ wurde mit der damit programmatisch formulierten Offenheit und Toleranz zu eins auf die Plakate und auf den später gefolgten Kampagnen-Spot, der Edith Piaf liebevoll adaptiert, übertragen.

Das auf der überragenden Kampagnenwebsite formulierte LOVE LIFE-Manifest mit seinen drei zentralen Kernaussagen „Ich liebe mein Leben. Das bin ich mir schuldig“, „Ich liebe meinen Körper. Deshalb schütze ich ihn.“ und „Ich bereue nichts. Dafür sorge ich.“ wurde bisher mehr als 160.00 mal unterschieben. Konservative Christen gehen in der Schweiz gegen die von ihnen betitelten „Sex-Plakate“ auf die Straße und demonstrieren.

Aber es gibt auch Kritik von Seiten der Medien und sogar von Werbefachleuten. Die einen monieren die Verschwendung von Steuergeldern (ein Argument, das sich gegen jede Art von staatlich finanzierter Kampagne anbringen lässt). Andere beschweren sich über die unklare Botschaft. Warum wirbt das Bundesamt für hemmungslosen Sex und Fremdgehen? Aber macht sie das wirklich? Das Leitthema ist klar, nur die Form die Ansprache ist sehr viel provokanter als alle Aufklärungskampagnen zuvor. Vergleicht man sie mit der aktuellen „mach’s mit“-Kampagne hier in Deutschland, hat man das Gefühl, es stehen Lichtjahre in Punkto Modernität und zeitgemäßer Ansprache zwischen den beiden Kampagnen. Während sich hier in Deutschland AIDS-Aufklärung im Schlafwagen abspielt, sucht das Schweizer Bundesamt die öffentliche Bühne – mit allen Risiken. Und das macht die Behörde einfach nur gut. Großes Kompliment für den mutigen Kommunikationsansatz und vorbildhaft. Verantwortlich ist übrigens die Züricher Agentur „Rod Kommunikation AG“ mit einem kleinen Team von 16 Mitarbeitern. Auch das bemerkenswert.

Ein Riese, ein Riese! Warum die Berichterstattung vom Mobile World Congress in Barcelona nicht funktioniert.

Es ist? „Ein Riese!“ Laut schreit Bild.de den Leser an. Angepriesen wird das neue „7-Zoll-Smartphone von Huawei!“ (Man achte auf die vielen Ausrufezeichen!!) Auf dem MWC in Barcelona feiert sich eine Branche selbst und die Medien feiern mit. Auch die Deutsche Welle ist dabei. Von einem „Blueprint für Mobilität“ spricht die Online-Redaktion mit Blick auf den volldigitalisierten neuen Ford Focus. Marc Zuckerberg schleicht über die Screens, wenn ARD und ZDF berichten. Seine Mission: Werbung für ein noch freieres und vernetztes Leben dank der Übernahme von WhatsApp. Demnächst also auch telefonieren mit WhatsApp, aha. Bestaunt werden die sogenannten neuen„Wearables“: Uhren mit Facebook-Zugang, die berühmte Google-Brille, ein Talkband, um den eigenen Gesundheitsszustand permanent zu tracken.

Ungeachtet, ob sich der Nutzen der neuen „Smart Devices“ unmittelbar erschließt oder nicht, es fehlt etwas in der Berichterstattung. Die einfache Frage, die in den letzten Monaten zentral gewesen ist, war eine andere. Was passiert mit unseren Daten? Egal ob Bild.de, Deutsche Welle oder Netzwoche, wir erleben gerade wieder, wie stark eingefahrene Muster Berichterstattung funktionieren. Eigentlich müsste die Branche vor der größten Herausforderungen der vergangenen 10 Jahr stehen. Sie müsste sich selber fragen und vor allem uns Konsumenten darüber Auskunft geben, warum wir uns den ganzen Technik-Schrott in der vorgegebenen hohen Schlagzahl noch weiter antun sollen?

Nun gut, Messeberichterstattung ist eine eigene Welt. Kaum ein Autojournalist wird auf der IAA fragen, warum das Volumen der neuesten Modelle so aufgeblasen werden muss, dass die Fahrzeuge in keine Parklücke mehr passen und für die mobilen Riesenbabies jetzt sogar die Fahrstreifen der Autobahnen vergrößert sollen. Aber darf sich vor dem Hintergrund der NSA-Affäre eine Branche derart unverschämt in Szene setzen, die selber milliardenschwere Datenberge anhäuft oder diese gegen Bares oder im Rahmen von vertraulichen Vereinbarungen bereitwillig an Geheimdienste weiterleitet? Die Antwort müssten die globalen Player liefern und die entsprechenden Fragen dazu die Medien stellen. Sie tun es jedoch nicht. Was das bei uns Konsumenten als Eindruck hinterlässt? Verunsicherung? Eher nicht. Vertrauen? Auch nicht. Löst die Berichterstattung Kaufimpulse oder Begehren aus? Momentan auch nicht.

Die einzige Sprache, die verstanden wird, ist Kaufverweigerung, bis die richtigen Schlüsse aus der Massenbeobachtung gezogen werden. Ich möchte nicht, dass die NSA meinen Puls misst oder sieht, was ich gerade sehe. Ne, möchte ich nicht. Und ich möchte auch keine Medien, die nicht ihrer journalistischen Pflicht nachkommen und stattdessen Jubelorgien im Dienste ihrer Anzeigenkunden veranstalten.

Die SPD-Vision von einer besseren Welt: 1360 Euro brutto

Darum geht es nun: 1.360 Euro Bruttolohn sollen die Republik retten, wenn es nach dem Willen der SPD geht. Das entspricht 8.50 Euro Mindestlohn, hochgerechnet auf einen Monat Vollzeitbeschäftigung. Diese sollen künftig jedem Festschaffenden zustehen, der bislang weniger verdient im sogenannten Niedriglohnsektor. Das entspricht je nach Steuerklasse einem ungefähren Nettolohn von 1.080 Euro für Alleinstehende. Laut gängigen Gehaltstabellen liegt die Entlohnung irgendwo zwischen Friseurin und Zimmermädchen. In den Gehaltsübersichten des öffentlichen Dienstes findet man gar nichts in dieser Region, da muss man schon auf die Anwärter-Stellen schauen, um sich diesem Betrag zu nähern.

Eine Rente, die höher als 650 Euro liegt, dürfte aus dem geplanten Mindestlohn nicht erwachsen. Das heißt: Jeder, der auf ein Verdienst in diesem Bereich angewiesen ist, muss mit einer Deckungslücke zwischen 500 und 600 Euro rechnen. All jene, denen mit dem Mindestlohn nun die Rettung versprochen wird, dürften somit enttäuscht werden. Denn auch dieser Lohn wird in vielen Regionen Deutschlands die Lebenshaltungskosten kaum decken und eine vernünftige Altersvorsorge unmöglich machen. Meine Tochter verdient als Studentin bei einer Zeitarbeitsfirma in Berlin (Osttarif) aktuell 7.50 Euro. Eine Kollegin, mit der sie neulich gesprochen hat, muss 60 Stunden arbeiten, damit sie ihr Leben finanziell auf die Reihe kriegt. Dieser Kollegin wird der Mindestlohn wenig bis gar nicht helfen.

Mit einem Freund habe ich mich neulich über das Thema unterhalten und er war sehr gespalten, was seine Meinung zum Mindestlohn angeht. Sein Argument und das hat mich sehr nachdenklich gemacht: Natürlich ist es sinnvoll die Abwärtsspirale nach unten zu deckeln. Aber was macht man mit den Branchen, wo die Mindestlöhne aktuell knapp darüber liegen, beispielsweise bei 9, 10 oder 11 Euro? Wird dort nicht eine weitere Abwärtsspirale in Gang gesetzt, da man nun ein offizielles Deckmäntelchen für weitere Lohnkürzungen hat, so nach der Art „Ist doch gesetzlich, wir machen nur, was erlaubt ist“? Die Gefahr ist tatsächlich da und man muss kein Firmen-Controller sein, um sich die entsprechenden Rechenspiele vorzustellen, die nun folgen. Das heißt: Die pauschale Orientierung nach unten macht vielleicht gar keinen Sinn, wenn man keinen Mechanismus nach oben findet, der Lohndumping an die 8,50-Grenze verhindert.

Die Geschichte mit der Zeitarbeitsfirma meiner Tochter geht weiter. Denn diese Firma rechnet gegenüber dem Kunden im Verhältnis 1:4 ab, das heißt 30 Euro. Ein befreundeter Unternehmer musste für einen IT-Programmierer sogar 12.000 Euro im Monat gegenüber der Zeitarbeitsfirma hinlegen. Dieser bekam von der Firma dann 3.000 Euro brutto. Auch hier griff das Verhältnis von 1:4. Die Zeitarbeitsbranche wurde lange Zeit von SPD- und CDU-Seite als ein wichtiger Baustein gesehen, um den Arbeitsmarkt für Arbeitnehmer mit geringer Qualifikation zu dynamisieren. Aber sieht man die Verdienstspannen in der Branche, könnte es sein, dass wir realiter gar keinen Niedriglohnsektor in den gedachten Ausmaßen haben, sondern nur einen politisch hergestellten? Und kann es sein, dass die SPD mit dem gesetzlichen Mindestlohn komplett auf dem falschen Dampfer ist, da für diejenigen, die mit dem Dampfer mitfahren müssen, nicht einmal die Holzklasse übrig bleibt?

Was wäre die Alternative? Ein bedingungsloses Grundeinkommen? Auch hier wäre der Abwärtstrend breitflächig vorprogrammiert. Die Einführung einer negativen Einkommenssteuer, bei der vom Staat Geld erhält, wer unter dem Existenzminimum liegt? Das würde den Lohndrift wiederum unter die 8.50 Euro nicht eindämmen. Eine Kombination aus Mindestlohn mit einer Zwischenzone aus negativer Einkommenssteuer, die ein Existenzminimum sichert, das umgerechnet bei einem Stundenlohn von 11 oder 12 Euro endet? Könnte sein, dass das funktioniert, da mit dem Kombipaket auch Teilzeitbeschäftigte und Freiberufler abgedeckt wären. Der reine Mindestlohn wird die Republik nicht mit ziemlicher Sicherheit nicht retten und die riesige Lücke zwischen Arm und Reich schließen helfen. Das müsste jedoch oberstes Ziel einer sozialdemokratischen Politik sein.

Nachlese: Was will der Wähler? Wie sinnvoll ist eine große Koalition?

Es ist die Stunde der Demoskopen und Polit-Auguren. Aus dem rätselhaften Ergebnis der Bundestagswahl soll nun herausgelesen werden, was des Wählers Wille sein soll. Es gibt vielerlei Befragungen, die belegen sollen, dass sich die Bevölkerung eine große Koalition wünscht. Zuvor haben wir eine Wahl gesehen, die in mehrfacher Hinsicht einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik gewesen ist. Einmaligkeit Nummer 1: Die FDP ist nicht mehr im Bundestag vertreten. Einmaligkeit 2: Alle Parteien haben verloren: Die CDU ihre Mehrheit mit einem ungeliebten aber gehorsamen Koalitionspartner; die CSU ihr Gewicht gegenüber einer stärker gewordenen CDU; die SPD ihr Wahlziel eines rot-grünen Politikwechsels; die Grünen und Linke reale Wählerstimmen; der Newcomer AfD den Einzug ins Parlament, die Piraten ebenso. Man kann die Wahl so lesen: Alle wurden bestraft. Die Union bildet eine Ausnahme, da in ihrem Falle die Bestrafung ziemlich milde ausfällt, nämlich in einer verpassten absoluten Mehrheit.

Was will der Wähler nun mit seiner Entscheidung sagen? Wir hatten – wie in den vergangen Jahren auch – einen Lagerwahlkampf, bei dem sich Schwarz-Gelb und Rot-Grün gegenüber standen. Leicht bekleidet stand im rot-grünen Lager die Linkspartei daneben und bot sich ebenfalls als zusätzlicher Machtfaktor an. Doch etwas war anders als 2009: Die Lager waren bei der diesjährigen Wahl ungewohnt aufgeweicht: zum einen durch eine etwas bockige Haltung der CDU gegenüber FDP, die der Wähler sehr genau registriert hat. Ihre Kernbotschaft: „Wir wollen schon, aber tun nichts für das Gemeinschaftsprojekt. Es gibt auch kein Gemeinschaftsprojekt.“ Auch SPD und Grüne wirkten nicht wie ein gut eingespieltes Tandem, sondern wie zwei Wanderer, die auf halber Strecke zum Gipfel feststellen, dass das nix wird und nun nebeneinander herlaufen und halb desinteressiert schauen, wie lange der andere durchhält. Von einem Gemeinschaftsprojekt, dass noch 1998 wesentlicher Motor für den Regierungswechsel war, war auch auf Oppositionsseite nichts zu spüren. Es lag Fatalismus in der Luft. Die Lustlosigkeit der Parteien hat es dem Wähler nicht einfach gemacht und so desorientiert wie die Parteien wirkten, so desorientiert war auch der Wähler – ausgedrückt in der hohen Anzahl an Unentschlossenen noch bis zum Morgen des Wahlsonntags. Die Müdigkeit der Parteien übertrug sich nahtlos auf die Wähler.

Jetzt soll diese müde Wahlvolk also sicher sein, dass eine große Koalition das Beste für das Land ist? Mit welchem Ziel, mit welcher Vision? Das Land möglichst ohne Schaden im eigenen Geldbeutel durch die Eurokrise führen? Deutschland mit sicherer Mehrheit so verwalten, dass das fragile Haushaltsgebäude mit seinen versteckten Zahlungsrisiken nicht einstürzt? Verwaltungsauftrag statt Gestaltungsauftrag? Dieses Belohnungsversprechen entspricht der Wählerschaft der CDU und der Partei selbst. So wurde die vergangenen vier Jahre regiert. In dieses Konzept und Korsett der möglichst reibungslosen Staatsadministration ohne Experimente soll nun eine völlig verunsicherte SPD, die nach wie vor nicht weiß, warum sie nicht mehr gemocht wird, eingepasst werden? Die SPD sollte sich kritisch fragen: Wem nützt der Schritt? Uns? Der CDU? Dem Land? Der SPD auf jeden Fall nicht, weil sich aus der Position der Schwäche heraus keine Entwicklungsperspektive für 2017 ergibt. Der CDU? Jein. Zwar erhält sie eine schöne Regierungsmehrheit, aber gegen wen wird sie 2017 Wahlkampf führen. Gegen eine AfD mit mehr als 10 Prozent? Die CDU muss ein vitales Interesse haben, dass es zwei starke Volksparteien gibt, wenn sie den konservativen Rand nicht komplett aufgeben will. Dem Land? Nun, wer sich im Bürokratiestaat gut eingelebt hat, darf sich freuen. Wer aber aus der der schrumpfenden Mitte rausfällt, müsste nachdenklich werden. Hier ist der Ansatzpunkt für eine echte Politikveränderung. Aber wer will sie wirklich? Wenn die Mitte, um die alle buhlen, eines Tages zu klein werden sollte, dann hat das Land ein echtes Demokratieproblem. Dazu reicht ein kleiner Blick in die Geschichtsbücher. Wer die Mitte gewinnen will, muss sie stark machen. Die CDU will es nicht, das hat sie bewiesen. Aber sie braucht es auch nicht, solange es genug Überläufer aus den unterschiedlichen Wählerschichten gibt, die einen sicheren Heimathafen suchen. Und die SPD muss erst wieder lernen, wie es geht, die Mitte richtig stark zu machen. Erst dann hat sie eine Chance auf erneuten Akzeptanzzuwachs. Jetzt, ohne Regierungsauftrag, in eine Regierung zu gehen verschließt diese notwendige Entwicklungsperspektive. Und die Grünen? Die habe ich diesmal wohl vergessen.

Die Bundeswehr und das Doping

Obwohl noch nicht vollständig – der aktuelle Abschlussbericht zum systematischen Doping im bundesdeutschen Leistungssport ist bereits jetzt spannender als jeder Mankell-Krimi – Nele Neuhaus sowieso. Besonders interessant weil für mich unbekannt war die frühe Phase des Dopings mit Amphetaminen in der Zeit bis 1966. Dort ist von einem erprobten Traditionsmittelchen namens Pervitin die Rede. Pervitin – die sogenannte „Panzer- oder Fliegerschokolade“ – gehörte als leistungsförderndes Metamphetamin zur Grundversorgung der Wehrmachtssoldaten bei Infanterie, Luftwaffe und Marine.

Laut Wikipedia wurden allein von April bis Juni 1940 35 Millionen Pervitin-Tabletten von den Temmler-Werken bezogen, um Angstgefühle zu dämpfen, das Schmerzempfinden zu senken und aus den Soldaten das Letzte beim Marsch auf Paris herauszuholen. Die massenhafte Verabreichung der Droge setzte sich beim Russlandfeldzug fort. Nach dem Krieg waren viele der Soldaten hochgradig abhängig, so auch der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll. Auch die Kinderflakhelfer wurden gegen Ende des Krieges noch gerne mit Pervitin gefüttert, um ihnen die Angst zu nehmen. Weil erfolgreich, wurde das Mittel noch bis weit in die 60er Jahre noch eingesetzt, beispielsweise auch von der US-Armee im Vietnam-Krieg. Und viele Sportler nahmen laut Doping-Bericht über mehrere Jahrzehnte ebenfalls das Mittel oder ähnliche Substanzen anderer Hersteller, um „bessere“ Leistungen zu erbringen.

In der ganzen Diskussion, die jetzt anläuft, wird von der Verbindungslinie zwischen Sportfunktionären, -medizinern und Politik gesprochen. Die Bundeswehr jedoch bleibt (noch) außen vor. Dabei verdienen bis heute viele Leistungssportler ihr Salär in den bunt über die Republik verteilten Sportkompanien. So werden aktuell mehr als 800 Sportler im Wert von fast 30 Millionen Euro jährlich gefördert. Es wäre eine Frage im Parlament wert, ob die Sportmediziner der Bundeswehr von den Dopingvorgängen vieler ihrer Angestellten wussten und oder die Dopingaktivitäten in irgendeiner Art und Weise begleitet oder gar gefördert haben. Das entsprechende Know-how dafür war bis weit in die 1970er Jahre gesichert vorhanden. So vernichtete die Bundeswehr erst gegen Ender der 70er Jahre ihre Pervitin-Bestände restlos.

NSA-Skandal: Warum schweigt die Industrie?

Angesichts des NSA-Skandals reibt man sich verwundert die Augen. Das massenhafte Abhören der Kommunikation durch amerikanische und britische Geheimdienste perlt an der Kanzlerin und ihren Umfragewerten ab wie Wasser an Butter. Und auch Herr Steinbrück kann die schwerwiegenden Eingriffe in Grundrechte nicht für sich nutzen. Die Empörung verbleibt bislang in der digitalen Gemeinde, bei einer Handvoll Online-Experten und bei den Leitmedien. Breitenwirkung? Fehlanzeige. Der deutsche Michel hat anscheinend andere Probleme als sich mit einer Gefahr auseinanderzusetzen, die er nicht spürt und die auf den ersten Blick nicht wehtut. Verwundert darf man aber sein, warum der hiesige Mittelstand und die deutsche Industrie nicht auf die Barrikaden gehen.

So schätzt das Beratungsunternehmen Corporate Trust den jährlichen Schaden, der durch Wirtschafts- und Industriespionage entsteht, auf mehr als 4 Milliarden Euro. Eine frühere Untersuchung der „Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit in der Wirtschaft“ geht sogar von 30 Milliarden Euro aus. Besonders betroffen sind kleine und mittelgroße Betriebe, die ihre Daten nicht ausreichend schützen können. Ein Viertel aller Schadensfälle beläuft sich auf mehr als 100.000 Euro. Das bringt kleinere und mittelgroße Unternehmen, deren wichtigstes Kapital häufig das erworbene technische Know-how ist, schnell an die Grenze der Existenz.

Aus den aktuellen Enthüllung der Snowden-Dossiers geht eindeutig hervor, welche strategisch wichtigen Firmen bei den Abhörmaßnahmen mit den Geheimdiensten offensiv kooperierten und europaweit Daten aus zentralen Übertragungsknotenpunkten lieferten: Verizon Business, British Telecommunications, Vodafone Cable, Global Crossing, Level 3, Viatel, Interoute. Der Verdacht, dass diese Daten nicht nur dem Ausspähen der Bürger dienten, sondern wesentlich zur Industriespionage genutzt wurden, liegt nahe. So wurden die Datenlieferungen des britischen Geheimdienstes durch Geldzahlung der NSA begleitet. Und warum sollte ein Geheimdienst an einen anderen Geheimdienst Geld bezahlen, wenn es sich dabei nicht um Daten erster Güte handelt?

Hier wäre der zentrale Hebel für hiesige Hersteller, um kritische Fragen an die Bundesregierung zu stellen. Sie tun es aber nicht. Warum also schweigen sie? Weil es peinlich ist, Opfer professioneller Abhörmaßnahmen zu sein? Weil es den eigenen Shareholdern schlecht zu vermitteln ist, warum man nicht in der Lage ist, das eigene geistige Eigentum zu schützen? Schnickischnacki! Angesichts der verbrecherischen Energie, mit der hier vorgegangen wird, muss man keine Angst vor Gesichtsverlust haben. Oder will man mit dem Schweigen den Wahlkampf der Regierungsparteien nicht stören? Das ist durchaus wahrscheinlich, macht aber keinen Sinn. Denn mit jeder Snowden-Enthüllung wird das Ausmaß des Datenangriffs sichtbar und der wirtschaftliche Schaden, der daraus resultiert, summiert sich jeden Tag und jede Stunde des Wartens. Es ist anscheinend zwingend notwendig, noch mehr zu wissen, damit die Wirtschaft endlich reagiert. Sie hätte guten Grund dazu, es jetzt zu tun.

Die ausgesprochen unelegante Entlassung von Michael Donnermeyer

Peer Steinbrück entlässt seinen Sprecher und obersten Wahlkampfmanager Michael Donnermeyer. Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Sprecher geht. Der häufigste Fall ist in der Regel ein geplanter Job-Wechsel, um sich neuen beruflichen Herausforderungen zu stellen, etwas mehr Geld zu verdienen oder für eine Organisation mit einer höheren Reputation zu arbeiten. Manchmal sind es schlicht private Gründe, die einen Jobwechsel nötig machen, das ist dann wie in anderen Berufen auch.

Ein zweiter Grund – und hier wird es schon etwas ungewöhnlicher – ist der sogenannte PR-Witwentod. Dieser tritt dann ein, wenn ein Geschäftsführer das Unternehmen verlässt und der neue GF seinen eigenen neuen Pressesprecher mitbringt. Es handelt sich ja um eine besondere Vertrauensposition, die häufig auf persönlichen Vorerfahrungen mit dem Sprecher gründet – oder besonderen Empfehlungen aus dem Nahumfeld der neuen Geschäftsleitung.

Etwas Besonderes stellt die Entlassung eines Sprechers dar. Das passiert zwar häufiger als man gemeinhin denkt, aber wenn sich beide Seiten professionell verhalten, findet sich in der Regel eine gemeinsame Sprachregelung, die der (Fach-)Öffentlichkeit – manchmal glaubwürdig, manchmal etwas weniger glaubwürdig – als schnöde Meldung präsentiert wird.

Im prominenten Feld der Politik werden Sprecherentlassungen genauer beobachtet. Schuldzuweisungen werden hinter vorgehaltener Hand oder bisweilen mit offenem Visier vorgenommen. Erinnert seien hier an die medienwirksame Entlassung von Olaf Glaeseker durch den ehemaligen Bundespräsidenten Christian Wulff oder die öffentliche Demontage von Michael Offer durch Wolfgang Schäuble, die zwar einen Rücktritt erzwang, jedoch einer Entlassung gleichkam.

Und nun Michael Donnermeyer, ein integrer Profi, dem zwar nicht alle Schuld der Welt aufgeladen wurde, dafür jedoch die schlechten Umfragewerte von Kanzlerkandidat Steinbrück. Aufhänger für die Entlassung war ein freigegebenes Interview in FAZ vom 30. Dezember 2012, in dem Steinbrück das Gehalt der Kanzlerin als zu niedrig bezeichnet hat. Nun, das ist jetzt beinahe ein halbes Jahr her, eine ziemlich lange Zeit, um jemanden wirklich zu bestrafen respektive eine echte Ursache-Wirkungsbeziehung zwischen Interview-Auslöser und jetziger Entlassung herstellen zu können.

Der Pressesprecher, ein Sprachverhinderer?

Es muss also mehr dahinter stecken, als dieses eine Ereignis, dass tatsächlich als singulär eingeordnet werden könnte, wenn es denn die einzige Panne des Kandidaten gewesen wäre. Wir sehen jedoch eine veritable Pannenserie und da ist schon die Frage erlaubt, ob der Sprecher tatsächlich die Verantwortung dafür auf sich nehmen soll. Bleiben wir beim Beispiel des fraglichen Interviews. Es ist ja nicht so, dass Steinbrück die Gehaltsaussage gegenüber der FAZ nicht getätigt hätte, es war der Fehler von Donnermeyer, eine im direkten Gespräch gegebene Aussage nicht verhindert zu haben.

Jetzt könnte man zugespitzt fragen, ob es tatsächlich die Aufgabe eines Sprechers ist, die Aussagen eines Kanzlerkandidaten der Bundesrepublik Deutschland zu verhindern? Oder ist es nicht vielmehr die Aufgabe des Kanzlerkandidaten, seine Worte so zu wählen, dass sie nicht permanent als plätzig, unangemessen, übertrieben, deplatziert oder schlicht unelegant wahrgenommen werden? Sorry, die permanente Wortkontrolle ist nicht Aufgabe des Pressesprechers, sondern seines Auftraggebers, der ursächlich dafür steht.

Das Verursacherprinzip wird durch die Bestellung eines Kommunikationsmanagers niemals aufgehoben. Hätte Peer Steinbrück die Aussage in Echtzeit in den Tagesthemen gemacht, wäre dann auch der Sprecher dafür verantwortlich? Wohl kaum, und es kann nicht sein, dass eine journalistische Darstellungsform – hier ein aufgezeichnetes Interview in der FAZ – stärker der PR-Kontrolle unterliegt als eine andere –  beispielsweise ein Live-Interview in den Tagesthemen. Daher steht hinter der Entlassung von Michael Donnermeyer mehr als ein Fragezeichen. Und das Fragezeichen steht hinter Peer Steinbrück selbst. Die Entlassung durch den Kandidaten hat ein ziemlich bitteres Geschmäckle, da sie den Kandidaten zum wiederholten Male in Persona angreifbar macht. Sie war weder strategisch klug, und elegant schon gar nicht. Über den würdelosen Rahmen der Entlassung im Rahmen der Vorstellung des Kandidaten-Kompetenzteams will ich mich gar nicht weiter äußern. Peer Steinbrück wollte den Reset-Knopf drücken, hat aber die Play-Taste erwischt. Es wird so weitergehen, befürchte ich.

Vollendet – Unvollendet

Wann ist ein Projekt beendet? Für mich als Dienstleister häufig dann, wenn ein Printprodukt druckfertig beim Kunden liegt, die neue Homepage online ist oder eine Veranstaltung vorbei. Mit etwas Glück und der Weitsicht des Auftraggebers überlegt man sich gemeinsam, welche Folgeschritte nötig sind oder wie man das abgeschlossene Online-Projekt weiter frisch halten kann, durch Aktionen, Updates, interessante News etc.

Etwas anders sieht es aus, wenn man im Helikopter über die Baustellen der Republik fliegt. Erst jüngst kam eine aufschlussreiche Sendung auf arte über den Rückbau von Atomkraftwerken. Die Energiewende ist ja beschlossene Sache und da wäre es doch sinnvoll mal zu untersuchen, was aus den Atommeilern werden soll, die buntplatziert über die gesamte Republik verstreuselt daliegen. In Mecklenburg-Vorpommern versucht man sich seit 20 Jahren und mit Milliardeneinsatz am Rückbau des früheren Atomkraftwerks Ludmin. Ein Ende ist nicht in Sicht. Das ist kein Problem, das sich ausschließlich auf Ludmin bezieht, das Problem ist bundesweit vorhanden, denn überall sind tausende Tonnen verstrahlter Rohre, Kühlbehälter, Turbinen verbaut. Wohin mit dem Müll, selbst wenn man ihn rausgebaut bekäme? Na diese Baustelle ist ebenfalls noch offen. Ist das nötige Know-how für den sicheren Rückbau überhaupt vorhanden? Die paar Spezialisten in Ludmin werden nicht ausreichen und die Studierendenzahlen für Atomingenieure brechen dramatisch ein. Wie ist der Zeitrahmen für den Rückbau? 50 Jahre, 100, mehr? Die AKWs wurden anscheinend für die Unendlichkeit gebaut, ähnlich wie der Atomabfall, den sie Tag für Tag produzieren.

Anderes Thema: Fassadendämmung. Überall in der Bundesrepublik werden, mit  staatlichen Mitteln gefördert, Millionen Kubikmeter Styropor an Häuser geklebt, auch das hat etwas mit der Energiewende zu tun. Das Problem: Bis heute gibt es keine Demontagetechnik, wie man in einem späteren Sanierungsfall den verklebten Müll wieder von den Häusern bekommt. Wahrscheinlich hilft nur der massive und letztlich sehr teure Einsatz des Boschhammers, um alle Fassaden abzuschlagen. Wohin mit diesem Müll? Ausgang offen, die Sachen, die man verbrennen kann, wird man in Müllverbrennungsanlagen verbrennen, um das eingesparte CO2 so wieder in die Luft zu pusten. Der restliche Bauschutt wird auf die Deponie müssen. Im Falle der Bundes-Drohne wurde jetzt die Reißleine gezogen. Man kann froh sein, dass es diese noch gegeben hat, um das Groschengrab zu schließen. Im Falle von Atomkraftwerken oder Dämm-Wahnsinn gibt es diese Reißleine nicht.

Ebenso wenig wie bei vielbesprochenen Infrastrukturprojekten wie dem Berliner Flughafen oder der Elbphilharmonie. Diese werden irgendwann beendet sein, auch wenn sich der ursprüngliche Kostenrahmen stark verändert hat. Dort ist der sogenannte Point of Return bereits überschritten und ein Stopp des Ganzen wäre teurer als die jetzige Beendigung. Großer Vorteil für alle Entscheidungsträger: Mit Eröffnung von BER und Philharmonie wird erfahrungsgemäß über die entstandenen Kosten kein Wort mehr verloren.

Aber bei den wirklich großen Baustellen der Republik entdecken wir sehr viel Unvollendetes, aber dafür in reiner Vollendung. Gerade erst müssen wir ansehen, wie –analog zum Jahr 2002 – ganze Städte und Regionen vom Hochwasser geflutet werden. Es sollten damals für die betroffenen Kommunen viele neue Dämme gebaut werden. Einiges ist angefangen worden, wenig beendet, wie uns der empirische Befund aktuell zeigt. Und von gesellschaftlichen Großthemen wie Pflegereform oder Altersarmut will ich an dieser Stelle schweigen. Wir haben bald Bundestagswahl und viele offene Baustellen ruhen, um danach von Expertenkreisen, Regierungsgipfeln und Fachkonferenzen erneut begutachtet zu werden. Was bleiben wird, ist: Unvollendetes in Vollendung.

Pressefreiheit: Der Büroschlaf der Selbstgerechten und Nazi-Propaganda auf Youtube

Heute berichtet die Berliner Zeitung über eine aktuelle Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts. Ein Journalist der BILD-Zeitung hatte den Versuch unternommen, vom Bundesnachrichtendienst (BND) zu erfahren, wie viele hauptamtliche und inoffizielle Mitarbeiter des Dienstes zwischen 1950 und 1980 ehemalige Angehörige von SS, Gestapo und NSDAP waren. Eigentlich sollte man meinen, kein Problem, ist ja lange her. Aber nichts da. Der BND verweigerte die Herausgabe der Liste und so kam es zu einem Klageverfahren, das jetzt vor dem Bundesverwaltungsgericht eine wichtige Zwischen-Etappe erreichte. Der Kläger berief sich auf den Informationsanspruch der Presse, der in den Landespressegesetzen verankert ist. Dieser gründe sich als elementarer Bestandteil der Pressefreiheit auf Artikel 5 Grundgesetz. Das Bundesinnenministerium wiederum sah den Geltungsbereich der Landespressegesetze nicht auf den Bund anwendbar, mithin bestünde kein Rechtsanspruch.

Hätte das Bundesverwaltungsgericht dieser Begründung stattgegeben, so beschreibt die Berliner Zeitung völlig richtig, hätten wir es mit einem der größten Eingriffe in die Pressefreiheit in diesem Land zu tun gehabt Besonders wichtig in der Begründung: Der Informationsanspruch lässt sich zwar nicht aus den Landespressegesetzen ableiten, jedoch direkt aus Artikel 5. Wiederum gar nicht gut: Das Gericht gibt nur einen Minimalstandard für die Auskunftspflicht der Bundesbehörden zu, daher ist die Gefahr doch beträchtlich, dass die wirklich wichtigen Entscheidungen, was veröffentlicht werden darf und was nicht, künftig direkt vom Bundeskanzleramt getroffen werden. Bundesinnenminister Friedrich will keine uralten Nazi-Listen rausgeben. Nunja, wie man das vor dem Hintergrund des NSU-Geschehens beurteilen soll, mag jeder für sich selbst entscheiden. Herr Friedrich sollte sich aber vielleicht um einige andere wichtige Fragen kümmern. Ein Beispiel: Es gibt in Deutschland die Liste sogenannter Vorbehaltsfilme für Propagangafilme aus dem Dritten Reich, die besonders rassistisch, kriegsverherrlichend oder volksverhetzend sind. Dazu gehören u.a. „Jud Süß“, „Kolberg“ oder „Hitlerjunge Quex“.

Überraschung oder auch nicht: Alle drei Filme kann man sich problemlos, bequem und ohne Einschränkungen bei Youtube anschauen. So kann man in Deutschland auf einfache Weise Nazi-Nachwuchs rekrutieren. Ein Freund von mir unternahm einmal den Versuch, Youtube wegen der Verbreitung von Nazi-Musik anzuschreiben und eine Stellungnahme einzufordern, ohne Erfolg. Anstatt sich um seine Listen zu kümmern, wäre das doch mal ein schönes Betätigungsfeld für das Bundesinnenministerium. Ein Bereich, der wirklich mit unserer aktuellen gesellschaftlichen Entwicklung zu tun hat. Dazu müsste man aber den Büroschlaf der Selbstgerechten beenden und tatsächlich handeln. Das wäre doch mal ein schöner Verfassungsauftrag.

Der Fall Amazon: Ein PR-Gau?

Eigentlich ist es ein alter Hut. Amazon beschäftigt Leiharbeiter zu Dumping-Löhnen. Das Thema kursiert seit 2-3 Jahren regelmäßig durch die Medienlandschaft. Auch der Öffentlich-Rechtliche-Rundfunk, namentlich der HR, ist jetzt auf den Newstrichter gekommen und hat sich des Themas für die ARD angenommen. Interessanterweise wird jetzt darüber breit berichtet und die Empörung ist groß – zumindest für die kommenden 10 Tage, bis wir uns zwischen Pferdefleisch, Zypernkrise und Papstwahl eines neuen Themas annehmen dürfen, so es Gott und die dazugehörigen Leitmedien wollen. Verbunden wird das Amazon-Prinzip der Gewinnmaximierung auf den Rücken von Subunternehmern und befristet Beschäftigten mit dem schönen inflationären Begriff „PR-Gau“. Landläufig ist ein PR-Gau das, was der Pferdefleischskandal für die Tiefkühlwirtschaft ist: Nicht gut. Das Image wird beschädigt, die Kommunikation läuft völlig daneben. Das Medienurteil lautet: Amazon macht alles falsch, was man PR-seitig nur falsch machen kann. Und diese Kommunikationskatastrophe wird dann in den tsunami-fukushima-tschernobyl-artigen Großkampfbegriff des „PR-Gaus“ oder als Steigerung „PR-Supergaus“ gekleidet. Und das alles nur, weil Amazon schlicht und einfach nichts macht und das Thema aussitzt.

Amazon verhält sich aber durchaus nicht vernunftfrei. Es wartet, bis sich die Erregungskurve gelegt hat. Denn es gilt: Der landläufige Konsument hat ein echtes Kurzzeitzeitgedächtnis. Selbst wenn jetzt die Umsätze um 20 Prozent einbrechen, das Unternehmen kann sich sicher sein, dass in wenigen Tagen bis Wochen, die Wachstumszahlen wieder in die gewohnte Richtung zeigen. Zum anderen kann das Unternehmen sowieso nichts anderes sagen als: „Stimmt, sorry, kommt nicht wieder vor.“ Das wird es aber nicht tun, da das Business-Modell von Amazon nichts anderes erlaubt, als das bewährte Gewinnmaximierungsprinzip fortzuführen. Klare Vorgaben aus Seattle, Jeff Bezos will das so. Daher ist der Begriff PR-Gau in doppelter Hinsicht missverständlich. Zum einen handelt es sich um Alltag bei Amazon und nicht um eine Sondersituation, sprich um ein plötzlich eingetretenes Unternehmensunglück. Zum anderen ist das Verhalten des Unternehmens Ausgangspunkt für die jetzige Negativ-Wahrnehmung des Konzerns und nicht die Kommunikation. Wenn man also schon vom „Gau“ spricht, sollte man richtigerweise vom „Unternehmensgau“ sprechen. Da es aller Voraussicht nach das Kerngeschäft nicht berühren wird, ist auch dieser Begriff fehl am Platz. Sprechen wir also von ganz normaler Unternehmenswirklichkeit? Ich befürchte, ja.