Der Rest hält die Stellung: Wo Berlin sein Geld verdient

Gestern morgen Berlin Hauptbahnhof. Ich begleite eine Freundin zu ihrer Arbeitsstätte in Hildesheim. Sie ist dort von Dienstag bis Freitag Professorin, Kinder und Mann sind hier und halten die Stellung. Mich selber treibt es zu einem Kundentermin nach NRW, der ICE ist proppenvoll – bis Wolfsburg. Dort in der Autostadt schwemmt es die VW-Arbeitspendler hinaus, plötzlich kann man wieder atmen. Noch besser wird es in Hannover, jetzt sind noch ein paar Medienleute im Zug, auf dem Weg nach Köln. Heute Abend treffe ich in Berlin einen Freund, der gerade von seinem Uni-Arbeitsplatz in Paderborn zum Fußballspiel-Kucken nach Hause kommt. Morgen müssen wir für unsere Nichte babysitten, weil der Schwager gerade bei Dreharbeiten in Thüringen weilen muss, während die Schwägerin – zu ihrem Lehrauftrag nach Rosenheim hetzt. Mein lieber Agenturpartner muss zu einem Blockseminar an die FH-Hannover, ein anderer Freund zur Lesung nach München, ein dritter tourt gerade mit einem bekannten Wissenschaftsevent durch die Lande – eben kommt er aus Mainz zurück. Da stellt sich die Frage: Wo verdient Berlin sein Geld?

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Einwohner beträgt in Berlin knapp 28.000 Euro, in München 49.000 Euro und in Frankfurt knapp 70.000 Euro – überraschenderweise im notorisch als arm wahrgenommenen Bremen auch stolze 42.000 Euro. Nun gibt das BIP nur den Gesamtwert aller Güter, Waren und Dienstleistungen an, die innerhalb eines Jahres innerhalb der Landesgrenzen einer Volkswirtschaft hergestellt wurden. Wir können aber an dem kleinen Städte- und Regionen-Vergleich schon sehen, wo in der Republik Berlin wirtschaftlich zu verorten ist, genau auf der Höhe des Saarlands (29.472 Euro), vor Niedersachsen und Rheinland-Pfalz, hinter NRW und natürlich den Boom-Regionen im Süden der Republik. Die eher mittelmäßige Wirtschaftskraft Berlins, die allerdings noch deutlich vor Sachsen, Thüringen oder Meck-Pomm liegt, ist ein wichtiger Grund dafür, warum die Berliner beruflich so viel auf Reisen gehen. Sie verdienen vielfach ihr Geld in der gesamten Bundesrepublik, um es dann in der Hauptstadt auszugeben.

Allerdings sieht es beim Kaufkraftindex etwas anders aus. Die Kaufkraft misst das verfügbare Nettoeinkommen der Bevölkerung inklusive staatlicher Leistungen wie Arbeitslosengeld, Kindergeld oder Renten. Laut GfK-Kaufkraftindex hatte der durchschnittliche Bundesbürger im vergangenen Jahr eine Kaufkraft von 19.684 Euro zur Verfügung, die unter anderem für den Konsum, die Miete oder Lebenshaltungskosten ausgegeben werden können. Berlin liegt hier mit 17.808 Euro auf einer Höhe mit Brandenburg (das beim BIP weit hinter Berlin lag) und Bremen (das beim BIP weit vorne lag). Bundesweiter Spitzenreiter ist hier Bayern mit 21.326 Euro an verfügbaren Nettoeinkommen – immer pro Kopf wohlgemerkt.

Berlin pendelt, zu Kunden in der ganzen Bundesrepublik, zu Unternehmen und Universitäten. Gäbe es diese enorme Mobilität vieler Berlinerinnen und Berlin nicht, sähe das mit der Kaufkraft noch ein deutliches Stück schlechter aus. Ein etwas frustrierter Bekannter aus München erzählte mir neulich, dass mehr als 60 Prozent seines Nettoeinkommens für Miete draufgehen. Hier finden wir jenseits aller Berliner Gentrifizierungsdebatten einen guten Grund, warum die vielen Pendler immer wieder nach Berlin zurückkehren. Zwar verdient der Durchschnitts-Bayer 3.500 Euro mehr, verliert aber mancherorts das Geld genau wieder für seine Wohnstätte. Berlin hat genau aus diesem Grund (noch) eine hohe Lebensqualität. Es ändert sich gerade jedoch etwas. Das sehe ich nicht nur an den immer stärker werdenden Reisetätigkeiten meiner Freunde – und letztlich auch an meinen Berufswegen. Ich sehe es auch daran, dass sich allein in den vergangenen 12 Monaten drei nicht ganz unwichtige Menschen in meinem Freundeskreis aus Berlin verabschiedet haben, um im Süden der Republik neu Fuß zu fassen. Berlin pendelt noch, aber das Berliner Wohnortprinzip ist nicht mehr richtig zukunftsfähig.

Das unpreußische Leben der Bohème – hier auf der Silicon Alley

Die Digitale Bohème ist oft beschrieben und mindestens so oft verrissen worden. Als lebendiger Ausdruck eines neuen beruflichen laptopbasierten Selbstverständnisses jenseits klassischer Nine-to-Five-Jobs genauso wie als prekäres Leben für jene, die sich neoliberalen Lebensentwürfen unterwerfen und sich dabei kein eigenes Büro leisten können. Und daher auf mehr getrieben als frei gewählt auf die zahlreichen Cafés der hiesigen Silicon Alley zurückgreifen müssen, wie die Torstraße gerne genannt wird.

Seit drei Jahren habe auch ich mein Bürodomizil hier an der Mitte-Lebensader zwischen Prenzlauer, Schönhauser und Oranienburger Tor aufgeschlagen. Und täglich treffe auch ich sie hier an. Die einen erfolgreiche Start-up-Unternehmerinnen und -Unternehmer. Genauso die anderen, die sich mit ihren Business-Coaches und Investoren treffen, um vielleicht, irgendwann einmal auch an die Quelle von Ruhm & Erfolg zu gelangen. Das Sprachgewirr ist größer geworden. Italiener, Spanier, junge Israelis, Chinesen, für die die Torstraße zentraler Meeting-Ort, Kreativ-Raum und Nahrungsbeschaffungsmeile geworden ist. Und für manche auch ein zweites Zuhause.

Man stellt sich den Digitalen Bohèmien irgendwie gerne als pragmatischen leicht nerdigen Schluffi vor, der sich stilbewusst mit den neuesten Slacker-Attributen umgibt, unausgeschlafen wirkt, aber bei aller Abgeklärtheit noch wache Augen besitzt und manchmal klischeehaft zauselig mit Bart und dicker Hornbrille oder 70er-Jahre-Brillengestell daherkommt. Natürlich gibt es das, aber der stilistische Unterschied zu anderen Zentrumsbereichen wie Bergmann-Kiez, Kreuzkölln oder F-Hain ist eigentlich nicht da.

Überhaupt fehlt vieles, was ein bohèmehaftes Leben ausmacht. Die Torstraße als östliches Pendant der Charlottenburger Kantstraße ist laut, staubig verkehrsinfarktgefährdet und bietet in ihrer Unansehnlichkeit so gar nichts, was länger zum Verweilen einlädt. Vielleicht weil es bei aller digitalen Zielstrebigkeit oder Desorientiertheit – je nach aktuellem Status – so wunderbare analoge Szenerien gibt, wie diese hier. Dieses Bild würde man locker in der Nähe eines verträumten Monet-Gartens verorten, vielleicht auch im Süden auf der Achse zwischen Florenz und Arles, aber hier auf der spröden Torstraße?

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Es irritiert mich jeden Tag aufs Neue und ich stelle mir die Frage, ob der Digitale Bohèmien, der sich hier gerne Mittags wie Abends vor einer der schönsten Kulissen des kulinarischen Berlins versammelt, nicht doch eine sehr verträumte Spezies ist, die für die unwirtliche Härte eines echten Silicon Valleys gar nicht gemacht ist. Es ist eine wunderbare Ansicht, die in in der Hauptstadt nicht so häufig anzutreffen ist und die tatsächlich zum Verweilen einlädt. Man kann viele Attitüden der Digitalen Bohème belächeln. Aber es nicht so sehr das Digitale als das Bohèmehafte, das diese Kultur so wunderbar unpreußisch erscheinen lässt und doch mit einem starken und manchmal auch verräterischen Sinn für ihre analoge Herkunft ausstattet, gleich ob diese nun in Toulouse, Nagaoka oder Osnabrück liegt.