Campaigning Review: „Rücksicht aus der Dose“ – geht das?

Alles beginnt mit einer Dose. Eine Dose voll Rücksicht soll es ab sofort richten. Die Pöbeleien im Straßenverkehr, das zunehmend aggressiver werdende Miteinander von Fußgängern, Auto- und Radfahrern, die Macher der Kampagne „Rücksicht im Straßenverkehr“ haben sich im Kampf gegen die Sittenverrohung eine Dose als Werbeträger ausgesucht. Ihr Inhalt: Das immaterielle Gut „Rücksicht“.

Mit dieser Dose winkt der heilige Christophorus, wenn es zu einem Konflikt im Straßenverkehr kommt, beispielsweise wenn Gehweg-Radler und Fußgänger aneinander geraten. Die Mission von Christophorus: Mediation, Schlichtung, Erklärung der richtigen Verhaltensweise, Verständigung. Und als Abschlussbotschaft immer der Wink mit der Dose: „Rücksicht! Wirkt sofort! Kostet keinen Cent!“

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Christophorus als Präsentator und Kunst-Testimonial deshalb, weil er als der klassische Schutzpatron der Reisenden bekannt ist. Einst trug Offerus den kindlichen Christus und mit ihm alle Lasten dieser Welt über einen Fluss. Diese Last wurde im Laufe der Flussquerung immer schwerer, doch er schaffte es, das Christuskind ans andere Ufer zu transportieren. Zum Dank durfte Offerus als Christusträger fortan Christophorus heißen. Dieser Heilige wendet sich nun im Hier und Jetzt gelandet hilfesuchend an eine Kommunikationsagentur, weil seine Botschaften nicht mehr erhört werden. Diese Agentur verpasst ihm einen kräftigen Relaunch vom Schmuddelprediger zum drahtigen Mitte-Anzugträger. Auf die Idee mit der Dose Rücksicht kommt er selber und gemeinsam mit seinem neuen Accesoire geht es zur Schlichtungsmission auf Berliner und Freiburger Straßen. Dort nämlich startet die Kampagne, die u.a. vom BMVBS, dem Deutschen Verkehrssicherheitsrat DVR und dem GDV getragen wird. Umgesetzt wird die Kampagne von der Agentur CP/COMPARTNER.

Eine längst überfällige Kampagne, um dem rauer werdenden Ton auf den Straßen ein deutliches Signal entgegenzusetzen. Doch wird sie ihre Wirkung erreichen? O.K., man kann natürlich geschmäcklerisch darüber streiten, ob es genau dieser Christophorus als Sympathieträger sein muss. Ich persönlich finde ihn eher mittelmäßig sympathisch. Er erinnert mich – hier kommen natürlich viele Vorurteile zusammen – zu sehr an den typisch-schnöseligen SUV-Lenker, der mir mit seiner PS-Schleuder als Fahrradfahrer das Leben schwer macht. Und ausgerechnet er soll jetzt als Schlichter auftreten? Nun gut, vielleicht wirkt er auf andere glaubwürdig, darüber kann man wirklich streiten. Ob Christophorus mit seinem kirchlichen Background an sich noch aktuell ist, keine Ahnung. Wir haben ja auch muslimische Verkehrsteilnehmer in Berlin und warum diese ausgerechnet auf einen der vierzehn katholischen Nothelfer hören sollen, bleibt ein Geheimnis der Kampagnenmacher.

Man kann sicherlich auch darüber streiten, ob die Plakate wirken, so wie sie gerade in der zweiten Stufe der Kampagne hier in Berlin – beispielsweise auf Bussen – gestartet sind. Mir scheint der Übersetzungsweg doch einigermaßen lang. Bikerin mit Helm? Vorbildhaft. Dose mit Rücksicht in der Hand? Schrift ziemlich klein und schwer zu lesen. Handlungsempfehlung: „Jetzt testen“. Was, warum, wie testen? Dose? Mit Rücksicht in oder aus der Dose? Wer ist der Absender? Die Bikerin, die sich an die Autofahrer oder gar an andere Biker richtet? Fragezeichen, Fragezeichen, so richtig kennt man das aus dem Alltag ja auch nicht, das mit der Dose und der Rücksicht. Spätestens jetzt muss ich bereits lange überlegen, vor allem wenn der Bus mit 70 Sachen an einem vorbeiheizt. Alles viel auf einmal auf dem vollen Plakat mit seinen vielgestaltigen Text- und Bildbotschaften. Vielleicht ändert sich die Wahrnehmung der Motive aber auch mit steigendem Bekanntheitsgrad der Kampagne.

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Die Kampagnen-Homepage (http://www.rücksicht-im-strassenverkehr.de/) wird peu à peu mit Tipps, neuen Videos und Infos gefüllt. Warum ich im Bereich „Aktuelles“ allerdings die Info: „Fahrradrahmen mit Schwachstelle“ des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs zum Thema „Rahmenbruch“ finde, weiß ich nicht. Das ist vielleicht etwas viel des Guten bezüglich Partner-Integration und paritätischer Verteilung des Website-Contents. Neben dem üblicherweise entstehenden Logo-Wirrwarr auf Werbemitteln ein typisches Problem von Partner-Kampagnen mit vielen beteiligten Akteuren. Überhaupt ist die Navigation etwas verwirrend. Ich weiß nicht immer sofort, wo ich gerade bin – ob in Freiburg, Berlin oder der bundesweiten Aktion. Schneller Informationszugang sieht anders aus. Angesichts der geplanten Ausweitung der Kampagne auf weitere Städte, wäre hier eine Nachjustierung wünschenswert. Ein Online-Pressebereich ist vorhanden, die letzte PM ist allerdings vom Kampagnenstart Anfang Mai, auch hier könnte ich mir auch mehr Aktualität vorstellen. Pressefotos ohne Datumsangabe und unterschiedlichen Größen als Download. Hmm, auch das stelle ich mir etwas anders vor.

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Auf Facebook gibt es „Rücksicht im Straßenverkehr“ ebenfalls. Die Kampagne ist vor sechs Wochen gestartet und hat jetzt 51 Personen, denen das gefällt. Da ist noch deutlich Luft nach oben. Das Problem: Sie heißt nur anders als die Website, nämlich http://www.facebook.com/christophorus.schutzpatron.der.reisenden. Das sieht eher suboptimal aus, da ich ja nach anderen Keywords suchen muss, um zu Facebook zu gelangen. Auch die Diskussionsthemen fehlen noch, hier könnte der fb-Christopherus für sein Geld sicherlich etwas mehr tun. Ähnliches bei den eingestellten Schulungsvideos, die parallel als virale Unterstützung den eigenen Youtube-Channel füttern sollen. Dort finden sich die zwei Videos, die auch auf der Homepage eingestellt sind. Beim Start der Kampagne dachte ich sofort: Ziemlich stark, die Aktion mit vielen tollen anschaulichen Videos zu flankieren. Seitdem hat sich aber nichts getan. Ich vermute, es gibt angesichts divergierender Partnerinteressen das bekannte Problem, sich auf einen gemeinsamen inhaltlichen Nenner der Videobotschaften einigen zu können, man konnte das beim Video zu den Gehwegradlern bereits erahnen. Übrigens heißt der Youtube-Kanal in der URL wieder anders, diesmal haben wir es mit „Christophorus Online“ zu tun.

Mehr Rücksicht im Straßenverkehr ist gut und notwendig. Allerdings hängt das Gelingen im Wesentlichen nicht nur von einem Mentalitätswandel auf den Straßen ab, sondern davon, wie sich letztlich die Verkehrsbedingungen selbst ändern. Dass die Radfahrer auf den Gehwegen fahren, hat nicht zuletzt mit dem autogerechten Ausbau der Straßen und fehlenden oder zu schmalen Fahrradwegen zu tun. Hier muss konkret auf der verkehrspolitischen Ebene angesetzt werden, sonst fahren die Biker vielleicht etwas rücksichtvoller, aber wie bisher weiter auf den gewohnten und sicheren Gehwegen. Ich will mich jedoch nicht an dem Start-Thema festbeißen und bin gespannt auf die Folgevideos, die sich vielleicht auch einmal an die Autofahrer richten werden, die hier mit 60 durch gekennzeichnete Fahrradstraßen heizen (kleine Themenanregung).

Ich wünsche der Kampagne auf jeden Fall ehrlichen Erfolg. Sie setzt das Thema an der richtigen Stelle und eröffnet vielleicht neue Diskussion, die nicht nur auf der Verhaltensebene der Verkehrsteilnehmer führen kann – sondern vielleicht sogar bei den politischen Akteuren. Letzteres betrifft selbstverständlich auch die Absender der von Rücksicht aus der Dose“, die ihren Beitrag für mehr Sicherheit auf den Straßen jenseits von Kampagnen verstärkt leisten müssen. Das ist natürlich ganz weit nach vorne gedacht und sicher eine Spur zu optimistisch, gehört aber zum Glaubwürdigkeitspaket einer guten Kampagne dazu. Walk as you talk!