Lifestyle-Industrie: Walk as you talk!

“Fair, Honest, Positive, Creative”: Wie das Beispiel Puma zeigt ist, fehlt es der Fashion- und Sportartikelbranche nicht an Worten, wenn es um die Beschreibung von ethischer Verantwortung geht. Adidas ist jetzt nach vorne geprescht – ein kleines Stück. Wie die Financial Times berichtete, plant die die Sportartikelindustrie auf Initiative des Herzogenauracher Unternehmens, „als erste Branche überhaupt einen internationalen Hilfsfonds für Billiglohnkräfte“ einzurichten. Dieser soll dann wirksam werden, „wenn keine Löhne bezahlt werden, Abfindungen nach Werksschließungen ausbleiben und keine staatliche Hilfe gewährt wird.“ Diskutiert und detailliert ausgearbeitet werden soll das Vorhaben auf einer Konferenz in der Schweiz, die Ende Oktober unter dem Dach der Fair Labor Association (FLA), einer NGO aus den Washington, stattfinden soll.

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Damit rückt bei der Frage der Arbeitsbedingungen nach der Computerindustrie ein weiterer wichtiger Wirtschaftszweig in den Focus der Öffentlichkeit. Schon länger wird im Umfeld der großen Sport-Events regelmäßig nach der Herkunft der produzierten Kleidungsstücke und Sportgeräte gefragt („Wird der neue WM-Fußball mit Kinderarbeit oder gar in pakistanischen Gefängnissen hergestellt?“). Die komperativen Kostenvorteile, die sich für Adidas, Nike und Puma durch asiatische oder lateinamerikanische Fertigungsfabriken ergeben, sind enorm. So stecken etwas älteren Berechnungen zufolge in einem Paar Nike-Sportschuhe, das im US-Handel 70 Dollar kostet, lediglich $1.66 an Arbeitskosten. Nike bezahlt dem Subunternehmer $15, schlägt $23 für sich selbst drauf und verkauft das paar Schuhe dann für $38 an den Großhandel.

Die Konkurrenz ist hart, da es alle so machen, und Zehntelprozentpunkte können den Ausschlag über Markterfolg- oder Marktflop und Akzeptanz von Produkten bei Verbraucher wie Handel geben. Und so wie es unmöglich ist, einen umweltgerechten oder fair gehandelten Computer zu bekommen, so schwer ist es im Fashion- und Sportbereich, ethisch halbwegs korrekte Erzeugnisse zu beziehen. Dementsprechend gering sind dort die Marktanteile derjenigen Hersteller, die sich darauf spezialisiert haben.

Als Folge des globalen Preiswettbewerbs beschäftigt Adidas weltweit 1.200 Zulieferwerke in 63 Ländern. Allein Puma hat eine 20-köpfige CSR-Taskforce aufgebaut, um die Produktionsbedingungen vor Ort gemäß der eigenen Leitlinien regelmäßig zu überprüfen. Angesichts der Masse an Betrieben, erscheint das jedoch als eine Aufgabe irgendwo zwischen Herkules und Sisyphos angesiedet. Daher warnen internationale Organisationen wie die „Kampagne für saubere Kleidung (CCC)“ gegenüber SpiegelOnline nicht zu Unrecht davor, „die Versprechen des Konzerns für bare Münze zu nehmen. Die Diskrepanz zwischen solchen Initiativen und dem Ist-Zustand bei den Zulieferfirmen sei enorm.“ CCC-Experten Lars Stubbe fasst das Problem pointiert zusammen: „Adidas ist beim Umgang mit Zulieferbetrieben nicht besser als Discounter wie Aldi, Lidl oder Kik.“

Was also tun? CSR – Corporate Social Responsibility ist laut Grünbuch der Europäischen Kommission ein Konzept für Unternehmen, um „auf freiwilliger Basis soziale Belange und Umweltbelange in ihre Unternehmenstätigkeit und in die Wechselbeziehungen mit den Stakeholdern zu integrieren.“ Das heißt, CSR ist abhängig von Freiwilligkeit und je mehr Freiwilligkeit, umso besser für die Arbeiterinnen und Arbeiter sowie ihren Familien – wenn es denn stimmt.

Denn gleichzeitig wachsen die Zwänge zum Handeln. Verändertes Konsumenten- und Sponsorenverhalten treiben die Unternehmen zunehmend an. Adidas wurde erst kürzlich ein Sponsorenvertrag der Cornell University, eine der größten Hochschulen in den USA, gekündigt, weil sich Adidas weigerte, den 2.800 Mitarbeitern einer geschlossenen Fabrik in Indonesien Abfindungen zu zahlen, um stattdessen Lebensmittelgutschein zu verteilen. Angesichts der Marktrelevanz von Football-, Baseball- und Basketballspielen in Amerika ist die Kündigung der Cornell University fasst schon ein Supergau.

Die Initiative von Adidas macht vor diesem Hintergrund genau den gegenteiligen Eindruck von Freiwilligkeit. Gleichzeitig muss sie unbedingt begrüßt werden, auch wenn sie bei der Vielzahl an Missständen und des enormen Nachholbedarfs wirklich nur ein allererster Anfang sein kann. Denn auch wir als Verbraucher sind gefordert. Denn wir sind es, die hier in den westlichen Ländern mit unserem Kaufakt zunehmend einen Ablass-Schein für die ethische Korrektheit der Produkte quasi automatisch miterwerben wollen. Daraus kann ich nur folgern: Entweder wir müssen den Unternehmen offensiv anbieten, einen zusätzlichen Teil des Kaufpreises direkt für die Arbeitskräfte in den Fabriken abzugeben oder wir müssen die Unternehmen dazu bringen, es selbst aus ihrer Marge heraus zu tun. Ich glaube, Letzteres wird nicht funktionieren, wir müssen etwas tun. Ein Dollar sechsundsechzig, das Ganze mal zwei oder drei könnten der beste Beitrag sein, den wir freiwillig Menschen anbieten, die 12 oder 16 Stunden am Tag unter schwersten Bedingungen für 1-2 Euro Stundenlohn und unseren Lebensstil schuften. „Walk as you talk“ und „Fair, Honest, Positive, Creative”, das gilt für Unternehmen – wie für uns Verbraucher hier in Deutschland.