Die neue Genetik der Unternehmen

Jede Organisation besitzt eine DNA, in dem sich ihr genetisches Material vereinigt. Diese Erkenntnis ist erschreckend wie falsch. Gestern wurde in München Matthias Sammer als neuer Sportdirektor des FC Bayern München der interessierten Öffentlichkeit vorgestellt. Die Süddeutsche Zeitung zwirbelt dazu fachkundig: „Bayern-Gen aus Dortmund“. Uli Hoeneß erkennt in ihm das dringend benötigte Bayern-Gen, welches Synonym für ein spezifisches Sieger-Gen ist, mit dem Matthias Sammer dem Klub ab sofort neu infizieren soll.

Noch schmerzlicher argumentiert der Kaffeeröster Tchibo, wenn es um seine angeblich genetischen Eigenschaften geht. Das Unternehmen veröffentlichte im vergangenen Jahr seine Tchibo DNA (ohne Bindestrich natürlich).  Im firmeneigenen Verhaltenskodex wird die Tchibo DNA als diejenigen Erfolgsfaktoren beschrieben, die das Unternehmen nach eigener Aussage stark machen: „diskutieren, begreifen – und leben.“ Letzteres macht besonders neugierig, denn es kommt im Arbeitsalltag häufig zu kurz. Stolz hebt das Unternehmen hervor, dass es neben diversen Fitnessangeboten auch die Möglichkeit bietet, auf der Alster den Segelschein Binnengewässer zu absolvieren. Zusätzlich gehört zur Tchibo DNA die Möglichkeit einer Wochenend-Skifreizeit im Harz, auf der man ohne Sorgen rodeln, Ski fahren oder einfach nur die Winterlandschaft genießen kann. Wer glaubt, es müssten immer die großen Dinge wie „Dialog“ oder „Gleichbehandlung“ sein, die eine Unternehmenskultur stärken, irrt gewaltig, auch der schlichte Freizeitspaß im Harz kann dazu gehören.

In einem Interview mit L’Economiste äußert sich der CEO von Roland Berger, Martin Wittig, zum Verhältnis von DNA und Unternehmen: „Die DNA eines Unternehmens sind die Werte und die Stärken, die seinen Erfolg ausmachen. Eine langfristige Strategie muss natürlich die Dynamik der Märkte berücksichtigen, in denen sich das Unternehmen entwickelt, aber sie muss auch und vor allem die besonderen Stärken, die die Identität des Unternehmens begründen, weiterentwickeln und besser zur Geltung bringen.“

Worum geht es also, wenn allerorten von genetischen Eigenschaften eines Unternehmens die Rede ist? Das Management möchte die Unternehmenskultur als biologistisch festgeschriebenen Akt in Form von definierten Erbinformationen des Unternehmens allen vorhandenen und zukünftigen Mitarbeitern zukommen lassen, sie gleichsam mit Werten infizieren. Gleichzeitig sollen die Mitarbeiter, wie im Fall Matthias Sammer, die geeigneten genetischen Prädispositionen wie Leistungskraft oder Einsatzwille mitbringen, um die in Vergangenheit möglicherweise etwas verhunzte Erbsubstanz wieder aufzufrischen.

Ob es funktionieren wird, Unternehmen künftig als biologische Masse zu begreifen, mit einem festgeschriebenen genetischen Code? Märkte verändern sich, Kundenerwartungen ändern sich und auch Ansprüche der Mitarbeiter verändern sich. Nur dumme Mitarbeiter begreifen sich als Abfolge von Aminosäuren. Noch dümmer ist aber, wer glaubt, seine Stakeholder auf die Ebene von Nukleinsäuren zu senken. Mit dieser schwachdimensionalen Unternehmensmetapher ist der genetische Defekt vorprogrammiert. Also ich empfehle, auch wenn es modern klingt, raus mit dem unverständlichen DNA-Gerede aus wirren Erklärungsmodellen zur Unternehmenskultur, das betrifft Firmen und Journalisten, die auf simple Art biologistische Reflexe  nachahmen, gleichermaßen.