Es liegt was in der Luft …

Mangelhafte Rohrklappen für den Rauchabzug, Pfusch bei Belüftungsanlagen, BER, BND – es liegt was in der Berliner Luft momentan. Die Luftzufuhr wie -abfuhr funktioniert nicht mehr richtig. Gebäude werden nicht fertig, tausende Mitarbeiter stehen republikweit in Warteschleifen. Hunderte Ingenieure sind bereits arbeitslos oder stehen am Pranger. Firmenkündigungen, Neuausschreibungen, Notmanagement, der Mangel an allem ist geradezu greifbar.

„Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei.
Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei.
Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.“

So beschrieb der wahrscheinlich unbekannteste berühmten Berliner Dichter, Jakob von Hoddis, 1910 das damalige Reizklima in seinem apokalyptischen Gedicht „Weltende“. Der expressionistische Dichter mit dem bürgerlichen Namen Hans Davidsohn kannte das raue Klima seiner Heimatquartiere Friedrichshain und Kreuzberg, die schlechten Gerüche und lauten Geräusche der Hinterhöfe. Er hatte eine feinste Sensorik für das Lebensgefühl einer ganzen Generation, das er mit wortgewaltiger Lyrik ausrucksstark aus dem Ende des Kaiserreichs herausbrach.

Auch heute spürt man in Berlin wieder ein spezielles Reizklima. Mag es an der Dauerfinanzkrise liegen oder an der kommenden Bundestagswahl, die ihre ersten Schatten vorauswirft. Mag es am Erfolg der Piraten liegen als Ausdruck verschobener politischer Machtverhältnisse. Ursache mag auch in den zahllosen baulichen Problem liegen, die uns im ganzen Lande in München, Hamburg, Stuttgart und nicht zuletzt in Berlin begegnen. Ob Armutsdebatte, Deregulierung der Arbeitswelt, Alterung der Gesellschaft, die Problemwahrnehmung ändert sich. Zu viele Baustellen überall, der Ton in den Medien und in Gesprächen wird schärfer.

Wir in Berlin haben jetzt Angst vor dem neuen U-Bahnbau unter den Linden. Wir denken an das Kölner Stadtarchiv und was hier auch noch alles einstürzen könnte in der Stadt. Wir schauen mit wachsendem Unbehagen auf das neue potenzielle Milliardengrab, dem Neubau des Stadtschlosses und schielen dabei auf die Elbphilharmonie, die wahrscheinlich auch niemals fertig wird. Die endgültig verloren geglaubte „German Angst“ ist plötzlich wieder da oder täusche ich mich?

„Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen
An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.
Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.
Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.“

So schließt Jakob van Hoddis / Hans Davidsohn, der 1942 vermutlich im KZ Sobibór vergast wurde, sein Berliner Gedicht, das einstmals für das ganze Land sprach. Drücken wir mal die Daumen, dass es neue Leuchtfeuer gibt, die man irgendwann auch wieder sieht, von Berlin aus sind sie momentan schwer zu erkennen. Es liegt was in der Luft …