Danke ihr Schlecker-Frauen,

nächste Woche am 29. Juni ist es als also soweit. Nach einem quälenden Insolvenzprozess wird die dunkelblaue Marke mit der weißen Firmen-Schrift endgültig vom Markt verschwinden. Es wird Zeit, den Schlecker-Frauen meinen persönlichen Dank auszusprechen.

Danke ihr Schlecker-Frauen, drei Jahre habt ihr an unserem Firmenstandort in Berlin-Mitte das Vorderhaus belebt. Es wurde zu einem Treffpunkt für werdende und gewordene Mütter, eure Filiale hat manches Kunden-Meeting gerettet, wenn noch schnell Getränke besorgt werden mussten. Gerne habe ich unterzuckert bei euch ein Soft-Getränk erworben und bisweilen auch eine Schachtel Zigaretten. Euer Toilettenpapier war niemals alle, „FOR YOU. FOR ORT.“, entworfen von Grey in Düsseldorf, stimmt total. Denn ihr wart da, hier direkt nebenan. Und es war nicht Anton Schlecker persönlich, der da war. Ihr wart es, die Schlecker-Frauen, die die Fahne hochhielten. Und die Botschaft hat auch mich erreicht, auch wenn vielleicht nicht zu den ganz bildungsfernen Schichten gehöre, die der Schleckersche Unternehmenssprecher als Kernzielgruppe für den denglizistischen Markenkern ausgerufen hat.

Zum letzten Mal „FOR YOU. FOR ORT.“

Ihr, das waren die bestgeschulten Verkäuferinnen, die man sich denken kann. Immer, aber wirklich immer  freundlich – ob im dunklen Berliner Novembernebel oder während der Hundstage bei größter Augusthitze. Herrscherinnen über 4.000 Artikel, ein unglaublicher Aufwand für die sich täglich erneuernde Regalpflege. Aktion hier, Aktion da, immer wenn aus Ehingen ein neuer Marketing-Befehl kam, musstet ihr Displays hin- und herschieben, Aktionsrähmchen um die Preise bauen, Preise verändern, überteuerte Produkte neu aufstellen, billigste chinesische Badelatschen oder drittklassige Pflanzensamen vor der Filiale aufmerksamkeitsstark platzieren, ich habe euch ob eurer unendlichen Geduld bewundert.

Oft saßt ihr allein im Laden oder knietet vor unteren Regalreihen, gerade bei den XL-Schleckern – auch Punkte-Schlecker genannt – kamt ihr mir häufig verloren vor auf euren vorgeschriebenen 250 Quadratmetern, irgendwo in Suburbia angesiedet, in der hinteren Parkplatzecke, dort wo nur noch die Schnäppchenjäger hinkommen – eine Szenerie von geradezu Hopperscher Dimension. Diese anstrengende Einsamkeit auszuhalten und dabei seinen Lebensmut nicht zu verlieren, dazu braucht es ganz besondere Menschen.

Berieselt wurdet ihr in euren Schichten von Schlecker-TV, dem schlimmsten Trash unter der Sonne. Dass ihr dabei euren Kopf nicht vollständig verloren habt und für die mehr oder sinnvollen Fragen eurer Kunden immer ein offenes Ohr hattet, auch dafür gebührt euch mein Dank. Niemand spricht von den zahllosen Netto-, Penny, Deichmann- oder KIK-Frauen. Ihr, die Schlecker-Frauen, seid Denkmal geworden. Ein Synonym für falsche Management- und Politikentscheidungen, für einen deregulierten Niedriglohnsektor, für Kontrolle und Dirigismus in hiesigen Unternehmen.

Die letzte Tage des Ausverkaufs, Juni 2012

Der Begriff Schlecker-Frauen ist eine mittlere Unverschämtheit, als wäret ihr eine besondere Gattung Mensch, die man hin- und herschieben kann, vollständig entindividualisiert und damit universal einsetzbar. Manch eine möchte euch jetzt als Kindergärtnerinnen sehen, ein anderer Minister ohne Kenntnis des Arbeitsmarkts denkt sich, sollen sie halt zur Konkurrenz gehen, auch wenn es dort noch weniger Geld gibt. Andere wiederum haben gar keine Hoffnung mehr für euch.

Ich danke euch, ihr habt verwaiste Gegenden in kleinen Dörfern wie unwirtlichen Vororten wiederbelebt, ihr wart da, für uns, vor Ort. Ich drücke jeder von ganz fest die Daumen und ganz besonders meinen Schlecker-Verkäuferinen hier in der Gartenstraße in Mitte – die auch jetzt, in der größten Not, wo sich die Regale stündlich leeren, das Beste sind, was dieses Land zu bieten hat. Danke!