„Ressortanpassung“: Unnützer PR-Begriff oder visionärer Ausblick?

Nicht schlecht. Gibt man bei Google den Begriff „Ressortanpassung“ ein, erhält man satte sieben Trefferanzeigen. Auf Platz 1 steht eine kritische Sicht auf den jüngsten Armutsbericht der Bundesregierung durch Florian Rötzer bei Telepolis. Er widmet sich ausführlich der Umwidmung des Armutsberichts der Bundesregierung in eine Wohlstandsschau durch Bundeswirtschaftsminister Rösler respektive seine Mitarbeiter. Dessen Ministerium ist jüngst unrühmlich hervorgetreten als zentrale Passagen des Berichts umgeschrieben wurden, um ein nicht allzu negatives Bild von der sozialen Situation in Deutschland zu zeichnen. Geäußert wurde der Begriff „Ressortanpassung“ vom Sprecher der Bundesregierung Steffen Seibert in der Bundespressekonferenz als Beschreibung dieses seiner Meinung nach „normalen“ Vorgangs.

Geht man bei Google ein klein wenig weiter runter, landet man beim großen Stühlerücken nach der Bundestagswahl 2005. Gemeint ist in einem Beitrag der FAZ die personelle Umstrukturierung der Ministerien nach der Wahlniederlage der rot-grünen Koalition. Wenn es denn diesen Begriff Ressortanpassung unbedingt geben muss, ist er bei letzterem Vorgang deutlich besser aufgehoben. Vielleicht wollte Steffen Seibert statt Ressortanpassung das Wort „Ressortabstimmung“ wählen, es lag ihm aber nicht auf der Zunge. Das hätte auf jeden Fall harmonischer geklungen, wäre aber wahrscheinlich dem Umstand des schnöden „Überschreibens“ eines vorhandenen Ministeriumtextes durch ein anderes Ministerium nicht ganz gerecht geworden.

Anpassungen nimmt man im PR-Sprech häufig dann vor, wenn man mit einer Entwicklung nicht einverstanden ist und die Macht hat, Anpassungen im Sinne von signifikanten Änderungen vorzunehmen – beispielsweise um Mitarbeiter zu entlassen, wenn der eigene Betrieb nicht mehr rentabel funktioniert. Das nennt man dann „betriebswirtschaftliche Anpassungsprozesse“ oder „Marktanpassung“. Eine Ressortanpassung zwischen zwei wichtigen Ressorts dürfte es in einer funktionierenden Koalition eigentlich nicht geben, wenn Minister auf Augenhöhe verhandeln. Vielleicht war Steffen Seibert genau aus diesem Grund so klug, den Begriff zu verwenden, um den schwarzen Peter dem Wirtschaftsminister zuzuschieben und die Verantwortlichkeiten bei diesem Vorgang diplomatisch, jedoch klar, zu benennen. Das wäre ziemlich böse: Denn der Regierungssprecher stellt damit den Wirtschaftsminister in einen Kontext der Täuschung und Fälschung. Und womöglich zeigt er sich mit diesem klugen Schachzug sogar als Visionär. Denn sollte sich die FDP nicht mehr in einer Regierungskoalition wiederfinden, liegt das nicht zuletzt an solchen Vorgängen, die das Wählerpublikum nicht mehr versteht und verstehen will. Dann müssten wie anno 2005 tatsächlich Ressortanpassungen vorgenommen und Posten neu besetzt werden – und nicht nur Texte überschrieben.