Das unpreußische Leben der Bohème – hier auf der Silicon Alley

Die Digitale Bohème ist oft beschrieben und mindestens so oft verrissen worden. Als lebendiger Ausdruck eines neuen beruflichen laptopbasierten Selbstverständnisses jenseits klassischer Nine-to-Five-Jobs genauso wie als prekäres Leben für jene, die sich neoliberalen Lebensentwürfen unterwerfen und sich dabei kein eigenes Büro leisten können. Und daher auf mehr getrieben als frei gewählt auf die zahlreichen Cafés der hiesigen Silicon Alley zurückgreifen müssen, wie die Torstraße gerne genannt wird.

Seit drei Jahren habe auch ich mein Bürodomizil hier an der Mitte-Lebensader zwischen Prenzlauer, Schönhauser und Oranienburger Tor aufgeschlagen. Und täglich treffe auch ich sie hier an. Die einen erfolgreiche Start-up-Unternehmerinnen und -Unternehmer. Genauso die anderen, die sich mit ihren Business-Coaches und Investoren treffen, um vielleicht, irgendwann einmal auch an die Quelle von Ruhm & Erfolg zu gelangen. Das Sprachgewirr ist größer geworden. Italiener, Spanier, junge Israelis, Chinesen, für die die Torstraße zentraler Meeting-Ort, Kreativ-Raum und Nahrungsbeschaffungsmeile geworden ist. Und für manche auch ein zweites Zuhause.

Man stellt sich den Digitalen Bohèmien irgendwie gerne als pragmatischen leicht nerdigen Schluffi vor, der sich stilbewusst mit den neuesten Slacker-Attributen umgibt, unausgeschlafen wirkt, aber bei aller Abgeklärtheit noch wache Augen besitzt und manchmal klischeehaft zauselig mit Bart und dicker Hornbrille oder 70er-Jahre-Brillengestell daherkommt. Natürlich gibt es das, aber der stilistische Unterschied zu anderen Zentrumsbereichen wie Bergmann-Kiez, Kreuzkölln oder F-Hain ist eigentlich nicht da.

Überhaupt fehlt vieles, was ein bohèmehaftes Leben ausmacht. Die Torstraße als östliches Pendant der Charlottenburger Kantstraße ist laut, staubig verkehrsinfarktgefährdet und bietet in ihrer Unansehnlichkeit so gar nichts, was länger zum Verweilen einlädt. Vielleicht weil es bei aller digitalen Zielstrebigkeit oder Desorientiertheit – je nach aktuellem Status – so wunderbare analoge Szenerien gibt, wie diese hier. Dieses Bild würde man locker in der Nähe eines verträumten Monet-Gartens verorten, vielleicht auch im Süden auf der Achse zwischen Florenz und Arles, aber hier auf der spröden Torstraße?

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Es irritiert mich jeden Tag aufs Neue und ich stelle mir die Frage, ob der Digitale Bohèmien, der sich hier gerne Mittags wie Abends vor einer der schönsten Kulissen des kulinarischen Berlins versammelt, nicht doch eine sehr verträumte Spezies ist, die für die unwirtliche Härte eines echten Silicon Valleys gar nicht gemacht ist. Es ist eine wunderbare Ansicht, die in in der Hauptstadt nicht so häufig anzutreffen ist und die tatsächlich zum Verweilen einlädt. Man kann viele Attitüden der Digitalen Bohème belächeln. Aber es nicht so sehr das Digitale als das Bohèmehafte, das diese Kultur so wunderbar unpreußisch erscheinen lässt und doch mit einem starken und manchmal auch verräterischen Sinn für ihre analoge Herkunft ausstattet, gleich ob diese nun in Toulouse, Nagaoka oder Osnabrück liegt.